Mit Corona durchs Digi-Tal

EindrĂĽcke von einer Reise vom Informations-Gebirge in den Daten-Dschungel

Alle reden vom Home-Office, jeder will mobil arbeiten und den Unterschied von beidem kennen die wenigsten – egal. Der Küchentisch wird zum Ersatz-Büro, der Hobbykeller zur Schreibwerkstatt und das leerstehende Kinderzimmer zum zoom®/Jitsi/FaceTime®/Meet -Konferenzraum umfunktioniert. Wäre doch gelacht, wenn das nicht möglich sein sollte. Bin ich jetzt wirklich im Home-Office angelangt, und wie fühlt sich die Virtualität in Wirklichkeit an? Dem will ich hier auf den Grund gehen.

FrĂĽher bin ich oft zur Arbeit geradelt oder, wenn es mal richtig fieses Wetter war, mit dem Bus oder dem Auto gefahren. Naja, meist mit dem Auto. Das war zwar oft auf den letzten DrĂĽcker, aber es ging raus … durch die HaustĂĽre und hinunter auf die StraĂźe, hinein in den Blechwahnsinn auf 4 Rädern. Radio an und schon wusste ich, wie gut ich heute drauf bin: gut gelaunt genieĂźe ich jede Musik die mir entgegenbrĂĽllt, doch bei schlechter Stimmung suche ich gleich einen anderen Sender und vertreibe mir die Gedanken mit den Nachrichten aus anderen Ländern: 43 Tote bei GrubenunglĂĽck in Indien und die Ukranine ist auch nicht mehr sicher (Anm.: dieser Text ist von Mai ’21). Da freue ich mich doch gleich viel mehr ĂĽber meine stupide Arbeit, den impulsiven Chef und vergesse gerne, dass ich seit Tagen, ach was, seit Wochen mit einer wichtigen Aufgabe kein StĂĽck weiter gekommen bin. Immerhin: der Kaffe aus dem neuen Vollautomaten ist Spitze und die Decke des neuen Firmengebäudes wird sicherlich nicht einstĂĽrzen – im Gegensatz zu den Bergwerksstollen der unterbezahlten und ausgebeuteten Grubenkumpels im Hindukusch – ach ne, da hocken ja die Bundeswehrsoldaten und haben Angst, dass ihnen jederzeit eine Bombe der Taliban um die Ohren fliegen kann. Mensch, da hab ich es doch super hier!

Nun, das war einmal. Inzwischen genĂĽgt es, um 7:30 Uhr aus dem Bett zu fallen, im Halbschlaf den Kaffee aufzusetzen – wo war nochmal die Taste fĂĽr den CafĂ© CrĂ©ma? Ach, das war ja in der Firma – und dann kurz kalt durch’s Gesicht waschen, bĂĽrsten und ein halbwegs ordentliches Hemd anziehen. Im Video-Meeting sieht niemand, dass ich noch in meiner Jogginghose herumlaufe und zwei verschiedene Socken trage. Nun noch schnell das Ach-was-bin-ich-doch-froh-im-Home-Office-arbeiten-zu-dĂĽrfen-Gesicht aufsetzen und hinein ins erste Meeting des Tages … was, wie, niemand da? Ach so, heute ist ja Samstag. Das habe ich schon ganz vergessen. Denn seit Corono ist ein Tag fast wie der andere und bei den Ausgangs-Beschränkungen brauche ich mir fĂĽr das Wochenende eh nichts mehr vorzunehmen auf das ich mich freuen könnte. Schöne Neue Welt!

Auf dem Weg vom Possibly-Täter zum Possibilitator

oder: vom unbewussten Tun zum bewussten Tun und Lassen

Du wirst Dich fragen, was ein Possibilitäter ist … und da bist Du nicht alleine. Die Umschreibung eines Begriffs ist eine Sache, das AusfĂĽllen und Leben eine andere. Ich möchte Dich mitnehmen auf eine Reise – meine Reise – die sicherlich vor vielen Jahrzehnten, bewusst jedoch erst im FrĂĽhjahr 2019 begann, als ich das Potential des Possibility Management fĂĽr mich entdeckte.

Anmerkung: Ich werde die hier verwendeten Begriffe aus dem „Possibility Management“ nicht weiter erklären, es sei denn, es ist der Sinn eines Abschnitts, zu der Bedeutung eines Begriffs hinzufĂĽhren. Weiterhin möchte keine Allgemein-Plätzchen backen und auch nicht der Erklärbär fĂĽr Begriffe und Definitionen aus dem Possibility Management sein – das haben andere bereits getan und das soll so bleiben. Was ich hier beschreiben möchte sind meine persönlichen Erfahrungen und Bewusstwerdungsprozesse. Diese mögen fĂĽr mich zutreffen und fĂĽr jemand anderen nicht Wichtig ist, dass sie landen bei Dir, der Du dies liest und anregen zum eigenen Denken, zum Bewustwerden ĂĽber das, was in Dir ist, Dich (bisher) kalt lässt oder bereits bewegt und was Dir (bisher) fremd war oder vielleicht auch immer be-fremd-lich sein wird. Gedanken schaffen Worte, Worte werden Taten und Taten bewegen die Welt. Was möglich ist, ist wichtig, und dass es bewusst gedacht, gesagt und getan oder nicht getan wird.

Ich habe einen Glaubenssatz, der mich seit langem begleitet und der mich zu mehr oder weniger bewusstem Handeln verleitet. Handeln, welches fĂĽr mich oft nicht mit diesem Glaubenssatz in Zusammenhang stand:

Ich möchte möglichst viele Möglichkeiten haben. Das ist meine (Definition von) Freiheit und diese Freiheit ist mir wichtig.

(Einer meiner Glaubenssätze)

Nun wird mir bewusst, was solch ein Glaubenssatz bedeutet, oder genauer: wo er überall wirkt und – oft unbewusst – dazwischenfunkt, hineingrätscht, mein Denken und (Nicht-)Tun beeinflusst und vor allem: wo er mir nutzt, wovor er mich beschützt, ablenkt, bewahrt, eingrenzt. Daher frage mich immer wieder ganz bewusst: Was tue ich hier eigentlich und was lasse ich bewusst sein?!

Und da ist ja nicht nur dieser eine Glaubenssatz – ich habe derer viele. Einige davon sind mir bewusst, ja, ich spreche sie sogar anderen Menschen gegenüber aus und habe ein Gefühl der Erhabenheit, weil ich diesen Satz für mich entdeckt habe, ihn selbst formuliert, verfeinert und verinnerlicht habe. Doch bin ich mir eigentlich bewusst, was das für mich, für mein Leben, für meine Beziehungen, meinen Umgang mit anderen Menschen, Lebewesen, Dingen, meine Sicht auf die Welt bedeutet?

Es ist nicht möglich, sagten alle. Und dann kam einer, der wusste das nicht und hat es einfach getan.

(ĂĽberliefertes Sprichwort)

Doch nun der Reihe nach und nicht alles auf einmal …

Es sind oft Schicksalsschläge (wie der Verlust eines geliebten Menschen) oder besondere Momente und Entscheidungen (wie die Hochzeit und dann der Fortgang eines guten Freundes) die uns prägen und in Erinnerung bleiben. Solche Momente sind nichts ungewöhnliches (viele Menschen heiraten und sterben tun wir alle einmal) und doch haben wir oft daran zu knabbern, fĂĽhlen uns ungerecht behandelt oder vom Schicksal betrogen. Egal wie man es ausdrĂĽckt oder welche Bezeichnung ich noch wähle, diese Momente haben eines gemeinsam: ich fĂĽhle mich dabei als „Opfer“ denn „mit mir geschehen“ diese Dinge. Ich habe sie nicht gewollt, nicht veranlasst und nicht herbeigesehnt. Und dabei ist mir nicht bewusst, welche Haltung ich einnehme. Warum sehe ich mich als „Opfer“ und den anderen bzw. das Schicksal als Täter und habe den Eindruck, dass etwas mit mir geschieht und ich kein Mitspracherecht habe, nicht mit entscheiden kann, was passiert?

Genau da möchte ich ansetzen, denn was da „mit mir“ passiert wird immer wieder passieren: Geburten, Hochzeiten, Todesfälle: Veränderungen die mich betreffen oder betroffen machen, von denen ich eigentlich weiĂź und es doch irgendwie „nicht wahr haben“ möchte und die ich gerne herauszögere oder gar ungeschehen machen möchte. Aber warum eigentlich?

Was hindert mich zu sagen: ich wusste, dass das passiert und ich werde damit klar kommen. Oder noch weiter gedacht: Es ist doch klar, dass ich eines Tages sterben werde und (wahrscheinlich vor mir) meine Eltern. Daher werde ich lernen, damit umzugehen und mich darauf einrichten. Und noch weiter gedacht: Ich weiß, dass diese Dinge kommen, denn sie gehören zum Leben und machen das Leben lebendiger. Ich denke nicht nur darüber nach, sondern rede offen darüber, schreibe mir wichtiges auf und gehe aktiv damit um. Was heißt dies konkret: ich gehe bewusst um mit dem Leben und treffe Entscheidungen. Ich nehme Veränderungen nicht nur an, sondern ich gestalte sie mit. Ich erwache aus meinem Dornröschenschlaf und warte nicht länger auf den Prinzen. Ich bin der Prinz! Ich bin der, der entscheidet, wenn die 100 Jahre vorbei sind. Ich bin bewusst und verantwortlich. Ich bestimme mein Sein und mein Handeln.

Das bedeutet nicht, dass ich nun Gott spiele und ab jetzt alles nach meiner Nase tanzt, dass ich allwissend oder allmächtig bin und mich nichts erschüttern kann. Es bedeutet, dass ich aus der Haltung des Opfers herauskomme und Verantwortung für mein Denken (und auch mein Handeln) übernehme, dass ich bewusst (er)lebe und Schöpfer (m)einer Welt bin, so wie ich sie wahrnehme. Denn es ist meine Wahrnehmung die sich als erstes ändert und an der nur ich etwas ändern kann.

Was bewirkt diese Ă„nderung meiner Einstellung? Sie ändert meine Wahrnehmung von der Welt und damit meine Welt. Sie ändert meine Haltung gegenĂĽber dem, was ich erlebe, was ich entscheide und was ich zu tun bereit bin (oder auch nicht bereit bin). Ich werde zum Handelnden – zum Manager meiner Möglichkeiten – also zu dem, der von den Dingen weiĂź und eine Ahnung bekommt, was möglich ist. Ich werde zum Möglichkeiten-Manager – engl. „Possibilitator“ (im Sprachgebrauch des Possibility-Management).

Was hier so einfach und schnell erklärt klingt ist ein langer Prozess, der irgendwann seinen Anfang nimmt: für machen mit Ende der Pubertät oder in der Midlife-Crisis, für andere mit 50 und für manche nie. Nur enden wird dieser Prozess nie, denn hier gilt: Der bewusste Weg ist das Ziel und wirkliches Bewusstsein lässt sich nicht zurücknehmen.

Eine immer wiederkehrende Entscheidung

Es gibt viele Lebenshelfer und Ratgeber und jeder schreibt etwas anders, liest sich mal flott und mal beschwerlich und doch sagen sie alle mehr oder weniger das gleiche:

  • Ă„ndere Dein Leben!
  • Nimm Dein Leben in die Hand!
  • Sei Deines GlĂĽckes Schmied!
  • Lebe anders, lebe bewusst!
  • Sei kein Frosch, trau Dir etwas zu!
    … und so weiter …

Und was bedeutet das? Ändere Dein Leben kann vieles bedeuten: sei kein Opfer mehr, werde zum Täter. Unterdrücke die, die Dich zu unterdrücken versuchen. Schlage zurück, oder besser noch: schlage zuerst zu! Macht kaputt was Euch kaputt macht. Und was soll sich da graduell ändern? Ich bleibe im niederen Drama, in dem berühmten Drama-Dreieck aus Opfer, Täter und Retter (nach Dr. Karpman), wobei ich eine der 3 Rollen des Opfers, Retters/Helfers oder Täters einnehme. Dabei kann ich vom Opfer zum Täter oder zum Helfer werden (oder umgekehrt) oder auch alle Rollen nacheinander durchspielen. Wirklich ändern tut sich nichts, denn solange ich im niederen Drama verharre, beteilige ich mich am Theater das gespielt wird und bestimme vielleicht noch, welche Rolle ich spiele, werde vielleicht sogar zum Dramaturg oder Regisseur. Doch niemals ändere ich den Spielplan oder gar die Perspektive. Ich werde weder zum Zuschauer/Unbeteiligten, noch beeinflusse ich das Grundprinzip des Dramas. Ich bin und bleibe ein Teil des Stücks das ich mitspiele.

Raus aus dem Niederen Drama

Doch warum sollte ich da auch heraus wollen? Und was gibt es denn noch an Alternativen? Einen Tod muss ich doch sterben und wenn schon einer leiden muss, dann doch bitte ein anderer und nicht ich … und da war doch noch was mit den Möglichkeiten: wenn ich die Möglichkeit habe, mir meine Rolle selbst auszusuchen, dann habe ich doch alle Freiheiten, oder nicht?!?

Diese Sichtweise, Du ahnst es schon, ist auch die meine gewesen. Ich fĂĽhlte mich als Opfer und habe irgendwann beschlossen, nicht mehr Opfer sein zu wollen. Also wurde ich zum Retter, denn der Täter wollte ich nicht sein. Ich entschied mich dafĂĽr, mich fĂĽr andere einzusetzen (und das schon ganz frĂĽh, in meiner Jugend als wir in der Schule um Rechte und Anerkennung unseres Abiturs in ganz Deutschland demonstrierten oder in der SĂĽdafrika-Aktionsgruppe um gegen Apartheid und UnterdrĂĽckung zu kämpfen oder bei Greenpeace, in der Anti-Atomkraft-Bewegung, als aktiver Pazifist bei den Anti-Golfkriegs-Demos und so weiter) und tat das auch. Doch meine Einstellung war immer die gleiche: hier ist das Opfer (wenn nicht ich, dann die unterdrĂĽckten „Schwarzen“, die Natur, die Kriegsopfer, die …) und ich bin der Retter um gegen die bösen Täter etwas zu unternehmen. Und sie ist es noch immer, zumindest teilweise, denn was ich 45 Jahre lang gelebt habe, das lege ich nicht wie einen Schlafanzug eines schönen Morgens zur Seite und bin von jetzt an ein neuer Mensch.

Doch etwas hat sich geändert: meine Sicht auf diese Dinge. Nicht, dass ich die oben angesprochenen Themen wie die Ungleichheit bei SchulabschlĂĽssen, die Apartheid im sĂĽdlichen Afrika oder die um Ă–l und in Zukunft um Wasser gefĂĽhrten Kriege anders bewerte. Nein! Ich sehe mich nicht mehr als Opfer, denn ich habe Möglichkeiten. Es gibt immer mehrere Möglichkeiten (das Wort „alternativlos“ wird in meinem Sprachgebrauch hoffentlich keinen Platz bekommen, auĂźer in seiner Widerlegung).

Go!